PO3 Sel'ae - SEC - Log 3 - 2019.8



  • Hauptpersonen:
    Nebenpersonen: Gesamte Crew
    Wörter: 500

    Im Shuttle

    Es ist 6 Uhr Morgens und ich liege schon wieder im Bett. So wie der Rest der Schicht, in die ich eingeteilt wurde. Ich wünschte ich könnte schlafen, ich habe es dringend nötig. Ich bin es nicht mehr gewöhnt um 5 Uhr schon irgendwo antreten zu müssen, zudem habe ich letzte Nacht überhaupt nicht geschlafen. Aber ich habe nicht geweint, darauf bin ich stolz. Am Abend habe ich mich von meinen Eltern verabschiedet, beim Essen. Ich habe kaum einen Bissen herunterbekommen, so sehr hatte sich mein Inneres verkrampft. Die letzte Mission hatte mir eines sehr deutlich gemacht: Vielleicht würde ich sie nie wieder sehen. Bei dem Gedanken zieht sich meine Brust auch jetzt noch so sehr zusammen, dass es schmerzt. Meine Eltern wirkten hingegen völlig ruhig, wie immer. Ihnen schien der Gedanke überhaupt nichts auszumachen. Ein Vorbild... und genau das, was ich in diesem Moment brauchte: Niemanden, der dieser Furcht in mir - diesem Chaos - auch nur einen Millimeter Raum gab. So lange es nur in mir ist, kann ich es kontrollieren. Es wird erst dann echt, wenn ich es ausspreche, wenn ich danach handle. Gut, dass ich gerade nur schreibe. Über mir schläft jemand- Mit einer Sprachaufnahme würde es echt werden.

    Ich hatte Glück. Er stinkt nicht so sehr, wie die meisten anderen. Hier in der abgetrennten Kabine ist der Geruch erträglich. Vorhin beim Briefing nicht. Drei Dutzend Leute in einen so kleinen Raum gequetscht und in der Luft hängen drei Dutzend Methoden den Stress vor dem Abflug zu verarbeiten: Alkohol, Sport, Sex... und so viel Schweiß, so unendlich aufdringlich. Gut, dass ich seit gestern Mittag nichts gegessen habe. Reiner Magensaft ist einfacher unten zu halten. Und gut, dass die Meisten sich den Kaffee genommen haben, der angeboten wurde. Der dämpfte das Gemisch ein wenig. Ich mag Kaffee nicht besonders, aber die halbwegs einheitlich bittere Note im Raum war allemal besser als was auch immer die Leute zuvor an Mundgeruch und verschiedensten Zahnpflegemitteln in die Atmosphäre entlassen hatten. Immerhin hatten die Personen in meiner unmittelbaren Nähe für die Zeit des Briefings ihren Darm unter Kontrolle...

    Die Mission selbst ist mir ein Rätsel, auch nach dem Briefing. Eine Rettungsmission - aber in absoluter Geheimhaltung. Heißt das, dass die Gefahr für ausreichend gering erachtet wird, dass man sich so viel Zeit für die Geheimhaltung lassen kann? Oder ist sie so drastisch, dass das Wohlergehen der zu rettenden Crew im Vergleich irrelevant wird? Das martialische Auftreten der Commander spricht die eine Sprache, ihre pädagogische Art mit uns umzugehen eine andere. Sie erinnert mich an die Therapeuten. Leere Worthülsen mit schöner Verpackung. Für die war es nur ein Job, ein bisschen reinhören in die Probleme anderer und dann in den Feierabend. Kein Wunder, dass ich die Ähnlichkeit sehe. Sie ist ja auch eine Ärztin - warum auch immer man eine Ärztin zur kommandierenden Offizierin macht. Dieses Mal würde ich ihresgleichen keinen Ansatzpunkt geben, um aus meinen Erlebnissen irgendeine einschüchternde Erzählung zu spinnen und mir meine Selbstsicherheit zu nehmen. Ich bin Vulkanierin, ich habe so etwas nicht nötig.


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