CMN Misha Nikolaevich Koshkin - TEC - Log 04 - 2019.8



  • Hauptpersonen: Vatak, Asu
    Nebenpersonen: Hunter
    Wörter: 1600

    Shuttle, auf Slingshot-Kurs ins Zielgebiet

    Oh man, was für ein Chaos. Also wenn's nicht zum Teil um Leben und Tod gehen würde, fände ich das gerade alles sehr lustig! Angefangen hatte es, als der Countdown plötzlich auf Null stand. Ich war ja schon drauf und dran die Konsole auseinander zu nehmen, um den offensichtlichen Fehler zu beheben - ich war mir absolut sicher, dass da noch mindestens ein Tag drauf sein müsste - aber die Offiziere schienen ihrerseits sicher, dass das alles seine Ordnung hatte. Ich blieb skeptisch, aber eilte für das Entkoppeln in die Nähe des Cockpits. Vielleicht konnte ich einen Blick auf die Systeme erhaschen - oder auch nur aus dem Fenster, um anhand der Sternkonstellationen einen ungefähren Standort bestimmen zu können. Ich verließ mich nicht gerne darauf, dass "die da oben" - die in diesem Fall wenigstens auch unsere kleinen, nach dem Vorgänger müffelnden Quartiere teilten - schon alles richtig machen würden.

    Wer weiß, was die sich wieder gedacht hatten. "Oh, ich hatte spontan die Idee, dass wir doch ein halbes Lichtjahr früher schon aussteigen! Weil der Mars gerade im Aszendent zum Föderationshandbuch steht"... oder... was weiß ich. Irgendein unsinniger Grund vermengt mit ihrem Unverständnis, dass wir dann die gesamte Slingshot-Kalkulation von vorne hätten durchführen müssen. Gut... okay... Asu ist auch Offizierin. Und sie wirkt nicht wie die Art von Person, die es nicht merkt oder gar die Klappe hält, wenn irgendjemand in ihren Aufgaben herumpfuscht. Vermutlich hatte ich ihr unrecht getan, sie in mein allgemeines Misstrauen gegenüber Offizieren einzuschließen.

    Ich kam gerade noch rechtzeitig im Cockpit an, dass sie mir ein "Festhalten" ins Ohr brüllen konnte - und keine Sekunde zu früh. Ich konnte mich gerade noch am Stuhl der Commander festhalten (ein Wunder, dass ich dafür nicht geteert und gefedert wurde!), als das Shuttle ordentlich durchgeschüttelt wurde. Autsch! "Entkopplung" war definitiv ein Euphemismus. Ich befürchtete das Schlimmste für den Frachter. Klar - die Frachtsegmente sind auf den meisten Modellen vermeintlich austauschbar, aber es war eine Höllenarbeit - insbesondere wenn dann durch eine Druckwelle irgendwas verkeilt war.

    Und die Formulare erst... klar kriegt man so ein Ding ersetzt. Aber wenn's durch eine Sternenflottenoperation beschädigt wurde? Dann auch noch eine GEHEIME? Oh man, ich will gar nicht wissen, wie lang die, der oder das Captain auf die entsprechenden Unterschriften warten muss. Und dann vermutlich noch von der Logistik-Administration angeschnauzt wird, dass man für die nächste Tour ja mit mehr Frachtkapazität geplant und gerechnet hätte. Denkt mal wieder niemand an uns Spacer...

    Apropos denken, wo war ich? Achja, genau. Ich hatte mich am Stuhl der Commander festgehalten, drum hatte ich auch sofort gesehen, als sie unglaublich schnell aufgesprungen und aus dem Cockpit gestürmt war, während wir anderen noch dabei waren, uns zu sammeln. Ungewöhnliche Frau. Aber auch Ärztin - also spurtete ich ihr hinterher. Im Cockpit konnte ich nur meine Unsicherheit beruhigen - dort, wo es vielleicht Verletzte gab, gab es vermutlich auch einen Schaden, vielleicht gar eine Bedrohung für Leib und Leben der ganzen Crew.

    Aber es gab keinen Schaden und keine Verletzten - okay, das war nicht richtig. Es gab Verletzte, leicht Verletzte, aber die Commander kümmerte sich nicht um sie. Sie eilte zum EVA-Suit, stemmte die schwere Abdeckung dessen Behälters auf noch bevor ich helfen konnte und begann ihn anzulegen. Mir war sofort klar: Es musste etwas mit der Sprengung nicht geklappt haben! Meine Nachfrage bejahte sie nur knapp, ohne sich abbringen zu lassen. Mir war bewusst, dass wir in diesem Moment keine Zeit für Diskussionen hatten, trotzdem konnte ich nicht einfach hinnehmen, dass sie - mit allem Wissen über diese Mission, als kommandierende Offizierin und nicht zuletzt als Ärztin - den nötigen Spacewalk selbst auf sich nahm.

    Offiziere sind so komisch! Auf der einen Seite ständig an den Regulierungen kleben, aber wenn's dann wirklich gefährlich wird, dann sind sie mit ihrem arroganten, egoistischen Heldenmut ganz vorne dabei, extrem fragwürdige Entscheidungen zu treffen. Vermutlich vertrauen sie uns Crewleuten einfach nicht. Weder damit im normalen Betrieb mal etwas anders zu machen, noch die Spezialmission zu übernehmen, zum Schutz des Schiffes. Man wird behandelt wie ein Kind...

    So ungefähr hat sich das dann auch angehört, als ich meine Bedenken vorgetragen hatte, während ich ihr weiter beim Anziehen des Anzugs half. Sie hat mir überhaupt nicht richtig zugehört. Hrmpf. Bin ja auch nur ein Crewman, was hat der schon zu sagen. Okay, nein. Ich bin schon wieder unfair. Asu hat mir zugehört und meine Leistungen im Briefing sogar noch besonders hervorgehoben - das war... ungewöhnlich. Normalerweise war das Höchste der Gefühle, das ich für eine meiner Ideen seitens der Vorgesetzten erfahren durfte, dass man beim nächsten Mal eine Verwarnung aussprechen müsste... okay, vielleicht lag das ein bisschen daran, dass sie von den Ideen oft erst erfuhren, nachdem ich sie umgesetzt hatte. Aber... sie hätten dem nie zugestimmt und nachher waren sie froh, dass ich's gemacht habe, wie ich's gemacht habe - sonst gäbe es ja eine Verwarnung. Win-win, also!

    Wie auch immer. Die Commander hörte mir auf jeden Fall nicht zu. Immerhin ließ sie mich ihr noch ein Seil umbinden - auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob sie darauf gewartet hätte, wenn sie nicht sowieso noch die letzten Handgriffe am Anzug hätte durchführen müssen. Ich weiß nicht, ob sie sich bewusst war, dass wir - ihren eigenen Anweisungen nach - keinen Traktorstrahl verwenden sollten. Sie war sich jedenfalls auch nicht bewusst, welche Sicherheitsvorkehrungen für einen Spacewalk üblich sind...

    Ich meine... okay, feste Regeln sind oft Unsinn, wenn's um Sternenflotten-Protokoll geht. Aber... also... wenn's ums Prüfen der Systeme eines EVA-Suits vor einem Spacewalk geht... also dann kann ja selbst ich mal zum autoritären Tyrannen werden, wenn das jemand nicht von einer zweiten Person überprüfen lässt. Immerhin geht's da um Leben und Tod! Und das nur, weil man ein paar Sekunden sparen will? Oder sich total sicher ist, dass man ganz bestimmt keinen der circa vierhundert notwendigen Handgriffe zum Anlegen des Suits falsch gemacht hat? Also das ist einfach fahrlässig - und das aus meinem Mund! Das heißt was.

    Sie hat sich jedenfalls aus der Schleuse gestürzt, bevor ich die Systeme prüfen konnte. Ich war ja drauf und dran sie sofort wieder zurück zu zerren, aber war erstmal schwer damit beschäftigt, sie überhaupt sichern zu können! Keine Ahnung, ob das der Schwung war oder ich ihr Gewicht massiv unterschätzt hatte... mir wäre das Seil beinahe aus den Händen gerutscht. Gut, dass die Security-Leute auf Zack waren und mir zu Hilfe eilten. Der Chef der Security - Hunter Phillips, der Mann mit dem Teddy - übernahm zu meiner Erleichterung dann auch das Kommando. Das Rang-Gefälle war einfach zu hoch, als dass ich der Frau irgendetwas hätte ankreiden können, ohne dafür auf die Schnauze zu fallen. Er wirkte auf jeden Fall auch nicht glücklich darüber, wie das nun gelaufen war.

    Wir holten die Commander wenige Sekunden später wieder ein und eine weitere Druckwelle erschütterte das Shuttle. Dem Gefühl nach kam das Shuttle heil daraus hervor. Ja... Gefühl. So funktioniert das bei mir. Ich bekomme ein Gefühl für ein Schiff, wenn ich eine Weile darauf bin. Klar - das Shuttle war mir jetzt noch nicht so bekannt, aber alle relevanten Systeme waren nah beieinander, das machte es leichter, einen Eindruck zu bekommen. Ich spürte die leichte Vibration der Generatoren, etwaige Fluktuationen in der künstlichen Schwerkraft - oder eben wie in diesem Fall: keine davon. Und ich war mir auch ziemlich sicher, dass Zusatzenergie in die Dämpfer geflossen war. Asu schien auf Zack!

    Aber als ich Vatak aus dem Anzug half, wäre es beinahe mit mir durch gegangen... die hatte ernsthaft vergessen die Lebenserhaltungsssyteme zu aktivieren! Eine Minute länger und sie wäre bewusstlos geworden! Möglicherweise mit dauerhaftem Hirnschaden - und ohne sie als leitende Medizinerin... was weiß ich... vielleicht Schlimmeres?! Und was erst mit der Mission? Was, wenn sie nicht schnell genug gewesen wäre? Wir hätten niemals genug Zeit gehabt, eine weitere Person in einen Anzug zu quetschen!

    Sollte das jetzt das tolle Vorbild sein, das Offiziere angeblich waren? Ich war SO kurz davor sie bei der Schulter zu packen und ordentlich zur Schnecke zu machen... aber... ich weiß nicht, warum ich es nicht getan hatte... vermutlich war ich doch indoktriniert. Sowas kann man doch nicht vor der ganzen Mannschaft machen... erst gar nicht als einfacher Crewman... als Kind.

    Ich zog mich zurück, um in Gedanken zu schwelgen. Es war selten, dass mich etwas so mitnahm. Anscheinend musste sie da einen wunden Punkt getroffen haben. Ich versuchte mich abzulenken, indem ich mir überlegte, wie sie so sein konnte, wie sie eben war. Sowohl was ihre Fähigkeiten anging, aber insbesondere auch ihre Art. Schlussendlich vermutete ich künstliche Muskeln, vielleicht auch kleinere Eingriffe und Geräte - vermutlich am Rande der Legalität - um ihre Reaktionen zu verbessern. Potenziell früher in irgendeiner Art Commando-Einheit gewesen... hoffentlich nur früher. Ihre Art würde dazu passen. Auf der einen Seite locker und lässig - wenn man mit den Leuten in der Basis hockt und auf den Befehl wartet. Aber wenn's erst wird kompromisslos autoritär und kommunikationsunwillig. Dazu noch das Kommando über eine Geheimoperation, der Phaser III ... würde alles passen. Viel zu gut. Ich hatte absolut kein gutes Gefühl zu dieser Mission.

    Irgendwann befreite mich Asu aus meinen Grübeleien. Ich weiß nicht, ob sie gemerkt hatte, dass es mir gerade nicht gut ging. Wäre ungewöhnlich gewesen für eine Vulkanierin - oder zumindest darauf zu reagieren. Aber sie bat mich mit auf die Brücke zu kommen, um den Slingshot-Kurs zu überwachen. Und... und sie hatte sogar einen Witz gemacht! Ich war für einen kurzen Moment echt verwirrt, ob sie mir nicht doch ernsthaft böse war, dass ich ihnen "die Slingshot Idee eingebrockt" hatte. Aber dann hab ich herzlich gelacht - und ihre Reaktion hatte gezeigt, dass es wirklich als Witz gemeint war. Vielleicht hab ich zu viel gelacht. Es war eine echt komische Situation. Auf jeden Fall ging's mir danach besser. Egal, ob das ihr Ziel war oder nicht: Ich war ihr sehr dankbar dafür und auch für die Chance auf der Brücke mithelfen zu können, beitragen zu können!


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